Blauracke (Coracias garrulus)

Die Blauracke (Coracias garrulus) (andere Schreibung: Blaurake), auch Mandelkrähe genannt, ist in Europa der einzige Vertreter der Racken (Coraciidae). Zwei Unterarten werden unterschieden, nämlich die Europäische Blauracke (C. g. garrulus) und die etwas größere und in der Färbung hellere Östliche Blauracke (C. g. semenowi) Aussehen Der etwa hähergroße Vogel ist unverwechselbar. Kennzeichnend sind die türkisblaue Färbung von Kopf, Unterseite und Flügeloberseite sowie der zimtbraune Rücken. Die kleinen Armdecken sind schillernd violettblau, der Flügelhinterrand dunkelbraun bis schwarz. Der Kopf ist auffallend groß, ebenso wie der kräftige, nach unten gebogene und leicht gehakte dunkle Schnabel. Weibchen sind bedeutend matter gefärbt, bei Jungvögeln überwiegen die Brauntöne. Stimme Der Erregungs- und Störungsruf der Blauracke ist ein rauhes, krächzendes ‚Rak’, das oft mehrmals wiederholt wird. Im Balzflug hört man ein sehr rhythmisches, zuerst hartes, in der Folge jedoch weicher werdendes ‚Kera... gra..grahh’. Auch Perkussionslaute gehören zu ihren Lautäußerungen, wie zum Beispiel Schnabelschlagen gegen einen schwingenden Ast. Erregungsrufe sowie Bettelrufe von Jungvögeln Die Blauracke nistet vor allem am Rande sehr lichter Waldbestände, die an insektenreiche Freiflächen grenzen, wie Wiesen, Weiden oder extensiv genutzte Äcker. Zuweilen nützt sie auch Streuobstwiesen und größere Parkgelände. Brutstandorte in Gewässernähe werden bevorzugt. Als Höhlenbrüter ist sie auf das Vorhandensein von Bruthöhlen angewiesen bzw. muss Sandstein, Lehm- oder Lössabbrüche vorfinden, um Bruthöhlen selbst graben zu können. Um erfolgreich jagen zu können, benötigt sie Ansitze, von denen aus sie die Freiflächen nach Beute absucht. Bei genügendem Nahrungsangebot meidet sie die Nähe des Menschen und menschlicher Siedlungen nicht. Die Nominatform ist vor allem im östlichen, südlichen und südöstlichen Europa verbreitet. Ebenso ist die Art im westlichen Nordafrika (Maghreb), in weiten Teilen Spaniens sowie an der französischen Mittelmeerküste und einigen der großen Mittelmeerinseln mit Ausnahme Korsikas und Kretas vertreten. In Asien erreichen die Vorkommen das südliche Mittelsibirien, sowie unter Auslassung der zentralasiatischen Steppengebiete den Nordwesten Irans. Die Unterart semenowi brütet im südwestlichen sowie den südlichen Teilen Zentralasiens, nach Osten hin bis Sinkiang. Die Blauracke ist tagaktiv mit zwei ausgeprägten Aktivitätsgipfeln am frühen Morgen und am späten Nachmittag. Dazwischen sitzt sie meist ruhig auf ihrem Ansitz. Außerhalb von Brut und Balzzeit ist ihre Anwesenheit wenig auffällig. Ihr Flug ist ein schnell fördernder, krähenartiger Ruderflug. Sie ist Höhlenbrüter, also auf das Vorhandensein von Spechthöhlen (meist Schwarzspecht bzw. Grünspecht) oder natürlichen Höhlungen in Bäumen angewiesen. Sie gräbt aber auch 50-60 cm tiefe Niströhren in Sandstein-, Lehm- oder Lössabbrüche. Nistmaterial wird nicht eingetragen. Die 4-6 Eier werden ab Mitte Mai gelegt und vor allem vom Weibchen bebrütet. Die Jungen schlüpfen nach ~ 18 Tagen nackt und blind; von beiden Eltern gefüttert, brauchen sie etwa 30 Tage bis zum vollständigen Flüggewerden. Bei Gefahr spucken die Küken eine übelriechende Flüssigkeit aus, mit der sie ihre Eltern warnen. Die Nahrung der Blauracke besteht meist aus Insekten und anderen Gliederfüßern. Nur auf dem Zug nimmt sie auch pflanzliche Nahrung (Weintrauben, Feigen) zu sich. Große Käfer dominieren, doch gehören andere Insekten wie Heuschrecken oder Libellen ebenfalls zu ihren Beutetieren. Sie verzehrt auch Arten, die sich durch Abwehrstoffe schützen, offenbar ohne Schaden (Wanzen, Laufkäfer). Daneben werden aber auch – quantitativ allerdings nicht bedeutend – kleinere Säugetiere, Amphibien und Reptilien erbeutet. Als Wartenjäger sitzt die Blauracke auf ihrem Ansitz (Pfahl, Leitungsdraht). Erspäht sie ein lohnendes Beutetier, lässt sie sich im Gleitflug fallen, ergreift die Beute am Boden und kehrt zu ihrer Warte zurück. Dort wird das Beutetier oft gegen eine harte Unterlage geschlagen und zuweilen auch in die Luft geschleudert, bevor sie verschluckt wird. Flugjagden sind selten, ebenso verfolgt die Blauracke flüchtende Beutetiere kaum. Wanderungen Alle Populationen und beide Unterarten sind Zugvögel, die meisten von ihnen obligate Langstreckenzieher. Die Überwinterungsgebiete liegen in unterschiedlichen Habitaten vor allem des südöstlichen und des südlichen Afrika. Reine Wüsten, baumlose Halbwüsten sowie geschlossene tropische Waldgebiete werden jedoch nicht dauerhaft aufgesucht. Westeuropäische sowie maghrebinische Populationen überwintern insbesondere am Südrand der westlichen Sahelzone. Auch alle asiatischen Vögel ziehen ins südöstliche und südliche Afrika. Die meisten Blauracken ziehen in breiter Front, doch wurden an Engstellen, wie zum Beispiel dem Niltal oder der somalischen Nordostküste an einzelnen Tagen Zugdichten mit mehreren Zehntausend Ziehern beobachtet. Mit dem Wegzug beginnen die mitteleuropäischen Altvögel Mitte August, Mitte September ist er abgeschlossen. Der Heimzug erfolgt ab Mitte April, die meisten mitteleuropäischen Blauracken kommen in der ersten Maidekade in ihr Brutgebiet zurück. Bestand und Gefährdung Die Gesamtbestände der auffälligen und gut untersuchten Art werden auf etwa 200.000 Brutpaare geschätzt. Seit den 70er Jahren des vorigen Jahrhunderts ist ein rapider Rückgang der europäischen Vorkommen festzustellen, der in manchen Staaten in den letzten Jahren dramatische Ausmaße annahm: Wurden zum Beispiel in Lettland um 1975 noch mindestens 2000 Brutpaare gezählt, beträgt der zuletzt gemeldete Bestand (2004) gerade noch 30 Paare; in anderen nordosteuropäischen Staaten ist die Situation ähnlich. Inwieweit diese Bestandseinbrüche auch die Vorkommen der Unterart semenowi betreffen, ist nicht bekannt. Nach den Kategorien der IUCN wird die Art mit NT (= Near Threatened = gering gefährdet) klassifiziert. Für die Bestandsrückgänge werden Klimaveränderungen, Biozideintrag und damit einhergehender Rückgang der Beutetiere, Umwandlung früher extensiv genutzter Landschaftsgebiete in intensiv bebaute, ausgeräumte 'Agrarfabriken' verantwortlich gemacht. Dazu kommen erhebliche Beeinträchtigungen der Lebensumstände in den Überwinterungsgebieten. Ganz gravierend wirkt sich auch der Abschuss ziehender Blauracken in vielen Staaten aus. Vor allem in Oman werden jährlich hunderte Blauracken getötet. Als thermophile Art wurde das Vorkommen der Blauracke in Mitteleuropa von jeher von atlantischen Klimaeinflüssen beeinflusst. Entsprechend sind ihre Vorkommen hier in letzter Zeit äußerst lückenhaft geworden bzw. zur Gänze erloschen. Nur in Ungarn gibt es noch zufriedenstellende Bestände. Die Vorkommen auf der Iberischen Halbinsel und in Nordafrika scheinen von diesem negativen Trend weniger stark betroffen zu sein, auch auf dem südlichen Balkan kommt die Art noch recht häufig vor. Mitteleuropäische Bestände Mitteleuropa lag immer am Westrand des Verbreitungsgebietes dieser Art. (Die spanischen und nordafrikanischen Vorkommen sind davon völlig isoliert.) Da die Blauracken ausgesprochen ortstreu und außerdem sehr langlebig sind, können sich einige Verbreitungsinseln in diesem Bereich noch immer halten, obwohl die natürlichen Ressourcen zum Erhalt eines sich selbst tragenden Bestandes nicht mehr vorhanden sind. Damit teilt die Blauracke das Schicksal anderer thermophiler und insektivorer Arten, wie zum Beispiel Wiedehopf, Rötelfalke oder Schwarzstirnwürger, deren Bestände in Mitteleuropoa auf längere Sicht sehr gefährdet erscheinen. In Mitteleuropa brütet die Blauracke außer in Ungarn noch in Polen (unter anderem im Białowieża-Nationalpark) in größerer Zahl, Restvorkommen bestehen in Österreich, Slowenien und der Slowakei. Insgesamt wird es sich aber um weniger als 700 Brutpaare handeln. In Deutschland brütet die Blauracke nicht mehr regelmäßig, nur noch ganz ausnahmsweise kann es zu einzelnen Bruten kommen, so letztmalig 1994 in Baden-Württemberg. Die letzten regelmäßigen deutschen Brutvorkommen gab es in Ostdeutschland; sie sind in den 1980er Jahren erloschen. Österreichische Bestände In Ostösterreich ist die Blauracke heute ein sehr seltener Brutvogel. Regelmäßig brütet die Art nur im Raum Stainz bei Straden in der südöstlichen Steiermark, wo sich eine erfreuliche Populationszunahme abzeichnet, über deren Ursache zur Zeit aber nur spekuliert werden kann. (2006: 19 Brutpaare). Diese Brutvorkommen stehen im Zusammenhang mit einigen Verbreitungsinseln im nordöstlichen Slowenien.